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Lust an der Grenze

Samstag, 9. Januar,17:00 - 19:00

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Phantastische Konstruktionen der Einmauerung und des Ausgeschlossenseins
Ein öffentliches Seminar der Freud-Lacan-Gesellschaft Berlin
Leitung: Claus-Dieter Rath

Liebe Teilnehmer und Interessenten,

die nächste Sitzung dieses Seminars findet am Samstag, 9. Januar 2021 nur via ZOOM statt.
Wer teilnehmen möchte, melde sich per E-Mail an (bei RathCD@aol.com). Sie erhalten wenige Tage vorher eine Einladung mit einem Teilnahmecode.
Die Veranstaltung beginnt 17.15h. Sie können sich aber schon ab 17.00h einklinken.

Samstag 9. Januar 2021 (17.15h – 19h):
Claus-Dieter Rath: Wissen vom Jenseits – Überzeugungen, »logische Verblendung (Urteilsschwäche)« und Supposé savoir

Dieses Mal bezieht sich das Seminarthema „Lust an der Grenze“ auf einige Dimensionen des Wissens, auf das Nichtwissenwollen und auf die schwer erträgliche Ungewissheit.

Wissen vom Jenseits. Das Jenseits, das wir hinter einer Grenze vermuten, kann etwas Bedrohliches oder Erlösendes sein. Diese Grenze kann aufgehoben werden oder erweist sich als unüberwindbar und unantastbar.
In seinen Hysterieanalysen spricht Freud im Hinblick auf das subjektive Phantasma von einer „Schranke, welche die Verdrängung aufgerichtet hat“:

„Die Unfähigkeit zur Erfüllung der realen Liebesforderung ist einer der wesentlichsten Charakterzüge der Neurose; die Kranken sind vom Gegensatze zwischen der Realität und der Phantasie beherrscht. Was sie in ihren Phantasien am intensivsten ersehnen, davor fliehen sie doch, wenn es ihnen in Wirklichkeit entgegentritt, und den Phantasien überlassen sie sich am liebsten, wo sie eine Realisierung nicht mehr zu befürchten brauchen.“[1]

Eine weitere, für die Psychoanalyse relevante Grenze verläuft zwischen der Realität und dem Realen, also zwischen dem sinnlich Wahrnehmbaren der Außenwelt und etwas, das Wirkungen zeitigt, sich aber der Wahrnehmung und der Darstellbarkeit entzieht. Freuds Feststellung: „Das Reale wird immer ‚unerkennbar‘ bleiben“[2] eröffnet für Lacan eine Theoretisierungsarbeit bezüglich des Realen.

Ein anderes Wissen und ein Wissen von Anderem kann man beim (von uns abgegrenzten) Mitmenschen (Nebenmenschen) vermuten; auch ein anders geartetes Wissen über sich selbst und über mich, meine Geheimnisse und das, was mir an mir selbst verschlossen bleibt.

Die nicht als eigene angenommenen Signifikanten werden in der Übertragung beim Anderen, der ein Wissender sein soll, angesiedelt/untergebracht. Dieser Andere kann eine Führergestalt sein, die Bescheid weiß, die weiß, was wir nicht wissen, die uns erlösen und heilen kann, weil sie uns besser kennt als wir selbst, weil sie weiß, was uns fehlt. Sie möge unser Begehren anerkennen.
Als Vertreter des wissenden Anderen, als sujet supposé savoir, kann auch der Psychoanalytiker fungieren. Ein antagonistischer Ansatzpunkt der psychoanalytischen Kur ist das Nichtwissenwollen vom eigenen Mangel, von der Gespaltenheit und der konstitutionellen Kastriertheit, aus denen wir ein Begehren entstehen lassen. Ein wichtiges Moment dabei ist, wie das Subjekt mit seinem »Wiss- oder Forschertrieb«[3] bislang den Schwierigkeiten seiner kindlichen Sexualforschung begegnet ist (behindert durch mangelnde intellektuelle Mittel, unvollkommene eigene Sexualkonstitution und widersprüchliche Auskünfte).[4] Freud legt höchsten Wert auf die Herausbildung von Urteils- und Kritikfähigkeit im Laufe einer Psychoanalyse.[5]

Die Idealisierung eines Sexualobjekts (als Wunschziel des Sexualtriebs) zeigt sich für Freud nicht nur als „Überschätzung“ der körperlichen Erscheinung, sondern auch als eine „logische Verblendung“ durch die „seelischen Leistungen“ der verehrten Person. Er nennt diese Verblendung eine „Urteilsschwäche“.[6] Dieselbe „demütige Unterwerfung, Gefügigkeit, Kritiklosigkeit“ sieht Freud gegenüber dem Hypnotiseur am Werk. „Dieselbe Aufsaugung der eigenen Initiative; kein Zweifel, der Hypnotiseur ist an die Stelle des Ichideals getreten.“[7]

Von da aus eröffnen sich politische Dimensionen des Wissens, denn die hypnotische Beziehung entspreche dem “Verhalten des Massenindividuums zum Führer“.
Die paranoische Art der Abwehr gegen das eigene Begehren verkehrt den auf den anderen zielenden erotischen Triebwunsch in »Der andere verfolgt mich«. So lassen sich unter der Form der Anklage und Verdächtigung – bis hin zur Überzeugung, Objekt einer Verschwörung zu sein – die schönsten Fantasien darüber auskosten, was der andere (von) mir wolle. Und als Dreingabe noch, wie die ihm gebührende Bestrafung aussehen soll.

In der paranoischen Rede gilt nichts als zufällig. Sie behauptet, und ist sich darin ganz gewiss, sie wisse um ein geheimes Wissen, das sich hinter der manifesten Realität verbirgt.

Wie unterscheiden sich der paranoische Deutungswahn und die analytische Deutungsmethode, die ebenfalls vom Unscheinbarsten ausgeht? Was unterscheidet den Psychoanalytiker von einem autoritären Alles- oder Besserwisser?

Und zum Schluss die Frage: Wird COVID-19 uns lehren, mit der Ungewissheit umzugehen, mit dem Nicht-Wissen-Können der Repräsentanten des großen Anderen?

 

[1] Freud: Bruchstück einer Hysterie-Analyse, GW 5, S. 273
[2] Freud: Abriss der Psychoanalyse, GW  17, S. 127
[3] Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, GW 5, S. 95
[4] Vgl. Freud: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. GW 8, S. 144ff. u. 204f.
[5] Freud: Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen. GW 8, S. 25f. u. S. 58f.
[6] Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, GW 5, S. 49/50
[7] Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse, GW  13, S. 126f.

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Die Teilnehmer dieses Seminars erkunden die Funktion von Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen, wie sie sich in der psychoanalytischen und politischen Erfahrung darstellen.

Dazu gehören folgende Fragen: Wenn heute allenthalben Grenz-Spektakel inszeniert werden, vermag die Psychoanalyse das darin wirkende Begehren und Aufbegehren zu erhellen und Zusammenhänge etwa mit Problematiken des Körper-Ichs und der Besetzung erogener Randzonen zu erkennen? Wie funktioniert psychisch das Abgrenzen, Ausgrenzen und Eingrenzen, Isolieren, Eindämmen in Neurose, Psychose, Perversion? Und wie das Umschlagen von Lust/Unlust und Schmerz? Von Bindung und Entbindung? Was bewirken die unterschiedlichen Formen der Verwerfung? Wie kann – „Lust an der Grenze“ – plaisir die überbordende jouissance eindämmen?

Gelingt es uns, Beziehungen darzustellen zwischen der psychischen Organisation und

– dem propagandistischen Schreckensbild offener Grenzen, in deren Folge die einheimische Bevölkerung und ihre Kultur in einer Migrantenflut umkommen sollen,
– subjektiven und kollektiven Identifizierungszwängen, den Politiken der Andersartigkeit, dem Beschwören einer besonderen Gruppen-Identität und einer diffusen Sehnsucht nach Souveränität,
– Globalisierungsangst, Entgrenzungssehnsucht und die Wirksamkeit von Befreiungsversprechen, die zur Einschließung in Kommunikations- und Zeichensysteme verführen,
– der Faszination am Niederreißen von Grenzen oder an (kalkulierten, provokativen, kopflosen) Grenzüberschreitungen,
– der Koexistenz von Gefühlsrohheit und höchster Sensibilität im Narzissmus der kleinen Differenzen,
– der Aufhebung von Grenzkontrollen oder deren Wiedereinführung (auch bezüglich sprachlicher und sittlicher Korrektheit oder ästhetischer und ökologischer Richtwerte und Normen)?

Wie werden diese Prozesse in kollektiven und individuellen Mythen transportiert? Welche Rolle spielen dabei Sprache, Topologie (mit ihren Schranken und Knotungen) und Sexualität?
Studieren wir auch die Grenze als Verbindende, also den Grenzverkehr zwischen den „Reiche[n], Gebiete[n], Provinzen, in die wir den Seelenapparat der Person zerlegen“ (Freud: Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit, GW XV, S. 79).

„Normalerweise ist uns nichts gesicherter als das Gefühl unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies Ich erscheint uns selbständig, einheitlich, gegen alles andere gut abgesetzt. Dass dieser Anschein ein Trug ist, dass das Ich sich vielmehr nach innen ohne scharfe Grenze in ein unbewusst seelisches Wesen fortsetzt, das wir als Es bezeichnen, dem es gleichsam als Fassade dient, das hat uns erst die psychoanalytische Forschung gelehrt, die uns noch viele Auskünfte über das Verhältnis des Ichs zum Es schuldet. […]

Die Pathologie lehrt uns eine große Anzahl von Zuständen kennen, in denen die Abgrenzung des Ichs gegen die Außenwelt unsicher wird, oder die Grenzen wirklich unrichtig gezogen werden; Fälle, in denen uns Teile des eigenen Körpers, ja Stücke des eigenen Seelenlebens, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle wie fremd und dem Ich nicht zugehörig erscheinen, andere, in denen man der Außenwelt zuschiebt, was offenbar im Ich entstanden ist und von ihm anerkannt werden sollte. Also ist auch das Ichgefühl Störungen unterworfen und die Ichgrenzen sind nicht beständig.“

Freud (1929): Das Unbehagen in der Kultur, GW XIV, S. 423f.

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Die weiteren Samstagstermine (immer 17-19h, alle via ZOOM, evtl. hybrid) sind voraussichtlich

13. Februar:Negationismus, Verwerfung und psychotische Negativität.  Beiträge von Peter Müller (Karlsruhe) u. Barbara Marte (Portici/Napoli)
06. März: Prokrastination. Die Deadline und das Dehnen der Grenze. Beitrag von Susanne Hübner (Berlin)
17. April: Schmutzlust und sauberer Spaß

Teilnahmegebühr: Wer nicht Mitglied der Freud-Lacan-Gesellschaft (FLG) ist, bezahlt 10€ pro Sitzung (Studenten u. Arbeitslose 5€).

Hier die Bankverbindung der FLG:
IBAN: DE67 1004 0000 0572 7128 00
BIC: COBADEFFXX (Commerzbank Berlin).

Freud-Lacan-Gesellschaft (www.freud-lacan-berlin.de; auch in facebook)
Das aktuelle Programm auf der Internetseite unter „Arbeitsgruppen & Seminare 2020“

 Kontakt: Claus-Dieter Rath, Niebuhrstr. 77, 10629 Berlin (RathCD@aol.com)

 

 

Details

Datum:
Samstag, 9. Januar,
Zeit:
17:00 - 19:00
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