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Lust an der Grenze
Phantastische Konstruktionen der Einmauerung und des Ausgeschlossenseins

Samstag, 12. September,17:15 - 19:30

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Ein öffentliches Seminar der Freud-Lacan-Gesellschaft Berlin
Leitung: Claus-Dieter Rath

Liebe Teilnehmer und Interessenten,

die nächste Sitzung dieses Seminars findet am Samstag, 12. September in der PsyBi und als Online-Erweiterung via ZOOM statt.
Der angekündigte zusätzliche Sonntagstermin wurde gestrichen, dafür dauert die Samstagssitzung etwas länger: 17.15h bis etwa 19.30h. Wegen der Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Pandemie werden in dem Veranstaltungsraum (PsyBi) nicht mehr als 12 Personen anwesend sein können.
Daher ist Voranmeldung per E-Mail erforderlich (bei RathCD@aol.com). Sie werden benachrichtigt, ob Sie einen der 12 Plätze in der PsyBi erhalten können.Wer via ZOOM teilnehmen möchte, melde sich ebenfalls per E-Mail an (bei RathCD@aol.com).
Sie erhalten wenige Tage vorher eine Einladung mit einem Teilnahmecode.


Samstag 12. September (17.15h – ca. 19.30h): Vorträge von Claus-Dieter Rath u. Susanne Hübner
 A – Claus-Dieter Rath: „Ekelhaft!“ Gusto und disgusto. Grenzen des Geschmacks und Geschmack an Grenzen

 Zur Einführung:

„Die Unklarheit liegt hauptsächlich in der Veränderung, durch welche aus der inneren Bedürfnissensation die Ekelsensation werden soll“, schreibt Sigmund Freud 1897 in einem Brief an Wilhelm Fließ (Hervorh. CDR). Er habe aber „die Quelle der normalen Sexualverdrängung (Moral, Scham etc.)“ gefunden, die eine Affektverkehrung von Lust in Ekel bewerkstelligt.
Die Libido entstehe nicht nur durch eine aktuelle Erregung der Genitalien, sondern auch „von den Vorstellungen, also Erinnerungsspuren aus […].

([…] Hat man ein Kind an den Genitalien irritiert, so entsteht Jahre später durch Nachträglichkeit von der Erinnerung daran eine weit stärkere Sexualentbindung als damals, weil der ausschlaggebende Apparat und der Sekretionsbetrag inzwischen gewachsen sind.)“

Diese „nicht-neurotische Nachträglichkeit“ bringe normalerweise den Zwang hervor. Betrifft diese Erinnerung nicht eine frühes “Erlebnis an den Genitalien“, sondern „die Erregungen der aufgelassenen [aufgegebenen, stillgelegten; CDR] Sexualzonen“, folge daraus hingegen „nicht Entbindung von Libido, sondern von einer Unlust, einer Binnensensation, die analog ist dem Ekel im Objektfalle. / Grob gesagt, die Erinnerung stinkt aktuell, wie in der Gegenwart das Objekt stinkt, und wie wir das Sinnesorgan (Kopf und Nase) im Ekel abwenden, so wendet sich Vorbewußtes und der Bewußtseinssinn von der Erinnerung ab. Dies ist die Verdrängung.“

Sie betrifft nicht mehr verwertbare Reize derjenigen Sexualzonen, die infolge einer „organischen Verdrängung“ aufgegeben worden sind. Freud skizziert hier eine Vermutung, die er im Laufe von drei Jahrzehnten (besonders in der Studie zum Rattenmann und in Das Unbehagen in der Kultur) ausformulieren wird. Sie setzt bei der „veränderte[n] Rolle der Geruchssensationen“ an:
„aufrechter Gang, Nase vom Boden abgehoben, damit eine Anzahl von früher interessanten Sensationen, die an der Erde haften, widerlich geworden – durch einen mir noch unbekannten Vorgang.) (Er trägt die Nase hoch = Er hält sich für etwas besonders Edles.) Die Zonen nun, welche beim normalen und reifen Menschen sexuelle Entbindung nicht mehr produzieren, müssen Afterregion und Mund-Rachengegend sein. Das ist zweifach gemeint, erstens, daß ihr Anblick und ihre Vorstellung nicht mehr erregend wirkt, zweitens, daß die von ihnen ausgehenden Binnensensationen keinen Beitrag zur Libido liefern wie die von den eigentlichen Sexualorganen.“

„Auf Kosten untergegangener (virtueller) Sexualität“ werde Angst produziert, die – psychisch gebunden – zu einer „Verwerfung werden kann, also die Affektgrundlage für eine Menge von intellektuellen Vorgängen der Entwicklung, wie Moral, Scham u. dgl.“
(Sigmund Freud: Briefe an Wilhelm Fließ 1887-1904 (S. 301-305). Frankfurt a. M.: S. Fischer. Brief v. 14.11.1897; die Anmerkungen der Herausgeber habe ich hier weggelassen.)

 Zur Lektüre empfohlen:
– Bovenschen, Silvia (2000): Über-Empfindlichkeit. Spielformen der Idiosynkrasie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
– Corbin, Alain (1984): Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs (übers. G. Osterwald). Berlin Wagenbach.
– Freud, Sigmund (1905): Bruchstück einer Hysterie-Analyse (1905). GW 5, StA 6 (=der  Fall Dora)
– Freud, Sigmund (1925h): Die Verneinung. In: GW 14, S. 11-15; StA 3, S. 373-377
– Menninghaus, Winfried (1999): Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
– Perniola, Mario (2003 [1998]): Ekel. Die neuen ästhetischen Tendenzen [Disgusti. Le nuove tendenze estetiche; ed. Costa & Nolan]. Übers. N. Finsinger. Wien: Turia u. Kant. Bes. Kap. 1: “Die Abenteuer des Ekels zwischen Ästhetik und Politik“ (S. 9-24).
– Rath, Claus-D. (2009): Der besorgte Esser. Zur Psychoanalyse der Esskultur. In D. Dell’Agli (Hrsg.), Essen als ob nicht. Gastrosophische Modelle. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 201-262.

B – Susanne Hübner: Kindswohl und Wollust: Der Babykörper als phantasmatischer Schauplatz zwischen Einfühlung und Einverleibung. Ein ikonografischer Streifzug mit psychoanalytischen Fragestellungen.

Zur Lektüre empfohlen:
– Fangerau, Heiner/Hornuff, Daniel (Hg.) (2020): Visualisierung des Ungeborenen, Interdisziplinäre Perspektiven. Wilhelm Fink Verlag.
– Laurent, Éric (2019): Die Kehrseite der Biopolitik, Eine Schrift für das Genießen. Hrsg. Neues Lacan’sches Feld. Turia + Kant, Wien.
– Meyer, Guido (2004): Geburt, Angst, Tod und das Begehren nach dem Mutterleib, Geschichte der Urthemen in der Psychoanalyse, Wissen & Praxis, Bd. 129. Brandes & Apsel, Frankfurt a. M.

Die Teilnehmer dieses Seminars erkunden die Funktion von Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen, wie sie sich in der psychoanalytischen und politischen Erfahrung darstellen.

Dazu gehören folgende Fragen: Wenn heute allenthalben Grenz-Spektakel inszeniert werden, vermag die Psychoanalyse das darin wirkende Begehren und Aufbegehren zu erhellen und Zusammenhänge etwa mit Problematiken des Körper-Ichs und der Besetzung erogener Randzonen zu erkennen? Wie funktioniert psychisch das Abgrenzen, Ausgrenzen und Eingrenzen, Isolieren, Eindämmen in Neurose, Psychose, Perversion? Und wie das Umschlagen von Lust/Unlust und Schmerz? Von Bindung und Entbindung? Was bewirken die unterschiedlichen Formen der Verwerfung? Wie kann – „Lust an der Grenze“ – plaisir die überbordende jouissance eindämmen?

Gelingt es uns, Beziehungen darzustellen zwischen der psychischen Organisation und

– dem propagandistischen Schreckensbild offener Grenzen, in deren Folge die einheimische Bevölkerung und ihre Kultur in einer Migrantenflut umkommen sollen,

– subjektiven und kollektiven Identifizierungszwängen, den Politiken der Andersartigkeit, dem Beschwören einer besonderen Gruppen-Identität und einer diffusen Sehnsucht nach Souveränität,

– Globalisierungsangst, Entgrenzungssehnsucht und die Wirksamkeit von Befreiungsversprechen, die zur Einschließung in Kommunikations- und Zeichensysteme verführen,

– der Faszination am Niederreißen von Grenzen oder an (kalkulierten, provokativen, kopflosen) Grenzüberschreitungen,

– der Koexistenz von Gefühlsrohheit und höchster Sensibilität im Narzissmus der kleinen Differenzen,

– der Aufhebung von Grenzkontrollen oder deren Wiedereinführung (auch bezüglich sprachlicher und sittlicher Korrektheit oder ästhetischer und ökologischer Richtwerte und Normen)?

Wie werden diese Prozesse in kollektiven und individuellen Mythen transportiert? Welche Rolle spielen dabei Sprache, Topologie (mit ihren Schranken und Knotungen) und Sexualität?

Studieren wir auch die Grenze als Verbindende, also den Grenzverkehr zwischen den „Reiche[n], Gebiete[n], Provinzen, in die wir den Seelenapparat der Person zerlegen“ (Freud: Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit, GW XV, S. 79).

„Normalerweise ist uns nichts gesicherter als das Gefühl unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies Ich erscheint uns selbständig, einheitlich, gegen alles andere gut abgesetzt. Dass dieser Anschein ein Trug ist, dass das Ich sich vielmehr nach innen ohne scharfe Grenze in ein unbewusst seelisches Wesen fortsetzt, das wir als Es bezeichnen, dem es gleichsam als Fassade dient, das hat uns erst die psychoanalytische Forschung gelehrt, die uns noch viele Auskünfte über das Verhältnis des Ichs zum Es schuldet. […]

Die Pathologie lehrt uns eine große Anzahl von Zuständen kennen, in denen die Abgrenzung des Ichs gegen die Außenwelt unsicher wird, oder die Grenzen wirklich unrichtig gezogen werden; Fälle, in denen uns Teile des eigenen Körpers, ja Stücke des eigenen Seelenlebens, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle wie fremd und dem Ich nicht zugehörig erscheinen, andere, in denen man der Außenwelt zuschiebt, was offenbar im Ich entstanden ist und von ihm anerkannt werden sollte. Also ist auch das Ichgefühl Störungen unterworfen und die Ichgrenzen sind nicht beständig.“
Freud (1929): Das Unbehagen in der Kultur, GW XIV, S. 423f.

Die weiteren Samstagstermine (immer 17-19h) sind voraussichtlich
10. Oktober
07. November
05. Dezember

Teilnahmegebühr: Wer nicht Mitglied der Freud-Lacan-Gesellschaft (FLG) ist, bezahlt 10€ pro Sitzung (Studenten u. Arbeitslose 5€).

Freud-Lacan-Gesellschaft (www.freud-lacan-berlin.de; auch in facebook)
Das aktuelle Programm auf der Internetseite unter „Arbeitsgruppen & Seminare 2020“

Ort: Psychoanalytische Bibliothek Berlin
Hardenbergstr. 9, 10623 Berlin, Hinterhaus, Erdgeschoss (www.psybi-berlin.de)
(U2 Ernst-Reuter-Platz, SB Savignyplatz, SB, U2, U9 Zoologischer Garten)
Kontakt: Claus-Dieter Rath, Niebuhrstr. 77, 10629 Berlin (RathCD@aol.com)

 

Details

Datum:
Samstag, 12. September,
Zeit:
17:15 - 19:30
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