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Abhängigkeiten, Unabhängigkeit und Interdependenz

Samstag, 19. März,17:00 - 19:00

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Veranstalter: Freud-Lacan-Gesellschaft, Berlin
Leitung: Claus-Dieter Rath (rathcd@aol.com)

Nächster Termin: Samstag, 19. März – jeweils 17:00 bis 19:00 Uhr

Liebe Teilnehmer und Interessenten,
die Sitzung dieses Seminars findet Samstag, 19. März 2022 nur online via ZOOM statt.
Wer teilnehmen möchte, melde sich per E-Mail an (bei Seminar-RathCD@t-online.de). Sie erhalten wenige Tage vorher eine Einladung mit einem Teilnahmecode.
Die Veranstaltung beginnt 17.15h. Sie können sich aber schon ab 17.00h einklinken.
(In den folgenden Monaten wird das Seminar je nach Stand der Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie auch in der Psychoanalytischen Bibliothek Berlin (PsyBi) stattfinden, als Hybrid-Veranstaltung, d.h. mit Einbezug der auswärtigen Teilnehmer via Online-Konferenz.)

Samstag, 19. März 2022 (17.15h – 19h):
Unsere Knechtschaften, digital – und darüber hinaus
Martine Gardeux (Berlin) und Gabrielle Gimpel (Toulouse) setzen sich mit den Thesen des französischen Psychoanalytikers Roland Gori in seinem soeben erschienenen Buch La fabrique de nos servitudes[1] auseinander.

„Zur Fiktion des perfekten Menschenverkehrs gehören drei Apps: Apparate (Verwaltung), Apparaturen (Geräte und Gerätchen), applications (Programme). Unsichtbarer Bezugspunkt ist eine vierte, die Freud’sche App: der psychische Apparat, dessen Funktion das Seelenleben ist.“[2] Wie transformiert die digitale Kommunikation unsere Fragen nach Abhängigkeiten, Unabhängigkeit und Interdependenz?
Freud zitiert 1908 in Die ›kulturelle‹ Sexualmoral und die moderne Nervosität den Neurologen Wilhelm Erb, der 15 Jahre zuvor beobachtet hatte: „… durch den ins Ungemessene gesteigerten Verkehr, durch die weltumspannenden Drahtnetze des Telegrafen und Telefons haben sich die Verhältnisse in Handel und Wandel total verändert.“
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehen wir uns durch digitale Netze evaluiert, klassifiziert, kategorisiert – bis hin zur Dauerüberwachung der Bürger in manchen Ländern. Zugleich: radikale Demokratisierung der Information, Illusion eines Kommunizierens, das Unsagbares endlich artikulierbar mache.
„Die permanente Mobilisierung unserer Partialtriebe putscht uns auf und reizt dabei sämtliche Partialtriebe: Überblicken, Nachschauen, Prüfen, Einverleiben, Erfassen, Exklusion, Ortung, Verfolgung usw. Eilmeldungen, Push-Mitteilungen, Tweets halten uns in ständiger Erregung. Und das Aufregendste daran wird wiederum – affirmativ oder empört – in den herkömmlichen Medien berichtet.
Wir kontrollieren ständig, werden zur Kontrolle angehalten und sind unter Kontrolle. Man wird lokalisiert und muss sich identifizieren: sich einen Usernamen zulegen, sein Passwort eingeben, sich legitimieren, und man muss die Codes und Logos der Apparate und Instruktionen lesen können. Seit Jahrzehnten sind wir in einem Prozess der Semiotisierung begriffen, zu deren Subjekten wir uns dank des benutzerfreundlichen intuitiven Lernens machen.
Wir suchen bei denselben uns aufstachelnden Apparaten und Programmen wiederum Zuflucht, Rat und Erregungsabfuhr. Dies begünstigt die Verkürzung von Kritik- und Urteilsprozessen auf hoch besetzte Akte der Zustimmung und Ablehnung bzw. der Ausschließung oder des Austritts.“[3]

Martine Gardeux zu Gori
Wie der chinesische Kaiser in Andersens Märchen, der eine Zeit lang den Vogelautomaten der lebendigen Nachtigall vorzog, scheint es, dass wir die Algorithmen, die Zahlen und den künstlichen Austausch der Digitaltechnik der Welt des Lebendigen vorziehen. Der hier angestrebte Vorteil wäre die Illusion, uns der Angst vor dem Unerwarteten, der bösen Überraschung zu entledigen.
Roland Gori untersucht alle Bereiche, in denen die moderne Technokratie, die sich auf die Digitaltechnik und ihre Scharen von Algorithmen stützt, in unser Leben und in alle Berufsfelder eindringt. Er erinnert uns an die Bedeutung des Begriffs “Proletarisierung”, wie Lacan ihn verwendet hat: jemand, der seines Wissens beraubt wird. Und wenn die Melancholie nach Roland Gori manchmal eine Alternative darstellt, kann sie uns auch lähmen. In unseren digitalen Netzwerken ist es die Lust am Denken, die wir aufgeben, während unsere Blicke in azurblauen Bildschirmen herumirren. Der Wissenshunger versinkt in der praktisch-formalen Funktionsweise, die durch die Digitalisierung und das neurokognitive Wissen verbreitet wird.
Diese Vorliebe des chinesischen Kaisers konfrontiert uns mit einer menschlichen Tendenz, sich freiwillig für das Künstliche statt für das Lebendige zu entscheiden. Die gleiche Idee kommt in dem von Roland Gori gewählten Titel Die Fabrik unserer Knechtschaften zum Ausdruck, zumal sich dieser Titel auf den Text von La Boétie, Abhandlung über freiwillige Knechtschaft, stützt. Besser als der Titel eines früheren Buches von Roland Gori, Die Fabrik der Hochstapler, stellt sich hier eine direkte Verbindung zu dem her, was Gegenstand der Psychoanalyse ist: welchen Anteil die Subjektivität jedes Einzelnen an dem hat, was uns entfremdet?
Über den Umweg der Geschichte eines sogenannten wilden Kindes aus dem Aveyron (Anfang 19. Jh.), vermittelt uns Roland Gori eine sehr interessante Reflexion über die Sprache, über das Sprechen und darüber, wie die Neurowissenschaft und die Neuropädagogik an das Erbe der Aufklärung, das Erbe einer instrumentellen Rationalität, anknüpfen. Die poetische Funktion der Sprache, das Kreative im Sprechakt werden von den Neurowissenschaften ignoriert oder sogar verleugnet. Doch angesichts dieser symbolischen Verarmung appelliert Roland Gori an zahlreiche Autoren und erinnert an ihre Erfindungen, ihre Einfälle (trouvailles). Er zitiert Künstler, die nicht unbedingt im Trend sind, wie z. B. Joseph Beuys, Bertolt Brecht, Édouard Glissant. Von letzterem entlehnt er das Konzept der Formularleere (le vide formulaire) und spricht auch über seinen Begriff des Lebendigen (la pensée du vivant), das mir manchmal mehr als eine Affinität zum Begriff des Subjekts in Lacans Arbeit zu haben scheint. All diese Zitate sind weit davon entfernt, überwältigend zu sein, sondern sind in eine Bewegung eingebettet, die das Begehren nach einer anderen Welt als einer entzauberten wiederbelebt.

Gabrielle Gimpel zu Gori:
Von Roland Gori’s Buch La fabrique de nos servitudes (Wie unsere Unterworfenheit fabriziert wird) habe ich vor allem die Anfangskapitel anregend gefunden: er beschreibt die Verallgemeinerung der Informatik, die Generalisierung der Normen im Gesundheitssystem und damit den Ausschluss des klinischen Falles, ob er kompliziert ist oder nicht, die Digitalisierung der Verwaltung und der Finanzierung des Gesundheitssystems in Frankreich (davon kann auch ich ein Lied singen).
Die Logik, vor der Gori uns warnt, ist der Ausschluss des Lebendigen, des Unregelmäßigen, des nicht Vorhersehbaren, der Überraschung, des Realen durch die Technik. Wir kennen diese Warnung schon aus der Philosophiegeschichte: die Realisten, die Positivisten wurden angeklagt, die Gedanken- und Gefühlswelt als «zu subjektiv» abzutun. Der gleiche Vorwurf wird heute an die Psychoanalyse gerichtet : «zu subjektiv»!
Die Digitalisierung und Technik haben aber nicht Antwort auf alles. Der große Andere antwortet nicht S(A)barré. Was der Bitte/Forderung (demande) und dem Begehren (désir) einen neuen Schwung geben kann.
Vor allem eine Warnung an die Psychoanalytiker: haltet nicht an dem Gelernten, Gelesenen fest, sondern hört Euren Analysanten so offen wie möglich zu, bleibt empfindsam für alles Unerhörte, Unerwartete, Überraschende, auch wenn es nicht sofort in die Theorie passt.

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Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).
Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.
Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.
Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.
Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.
Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:
Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: “Quellen, Umkreis, Wirkung”) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

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Die weiteren Samstags-Termine (immer 17-19h) im ersten Halbjahr 2022:
2. April: C.-D. Rath: Autorität, Unterdrückung, Verdrängung und Befreiung des Subjekts. Was erbringt die Kritische Theorie der Frankfurter Schule für die Psychoanalyse?
7. Mai
11. Juni
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Teilnahmegebühr: Wer nicht Mitglied der Freud-Lacan-Gesellschaft (FLG) ist, bezahlt 10€ pro Sitzung (Studenten u. Arbeitslose 5€).
Hier die Bankverbindung der FLG:
IBAN: DE67 1004 0000 0572 7128 00
BIC: COBADEFFXXX (Commerzbank Berlin).

Freud-Lacan-Gesellschaft (www.freud-lacan-berlin.de; auch in facebook)
Das aktuelle Programm auf der Internetseite der FLG

Kontakt: Claus-Dieter Rath, Niebuhrstr. 77, 10629 Berlin
(Seminar-Mailadresse: Seminar-RathCD@t-online.de )

[1] Édition Les Liens qui Libèrent, 2022. Auch als e-book erhältlich.
[2] C.-D. Rath: Sublimierung und Gewalt, Elemente einer Psychoanalyse der aktuellen Gesellschaft, Psychosozial Verlag 2019, Kap. „Das Volk als virtueller Körper – Populismus, Paranoia und digitale Kommunikation“, S. 169ff.
[3] Rath, ebda.

Details

Datum:
Samstag, 19. März,
Zeit:
17:00 - 19:00
Veranstaltungskategorien:
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